733 7. Zur Systematik der HexapodenJ Von Anton Handlirsch. eingeg. 25. Mai 1904. Im CXII. Bd. der Sitzungsberichte der Wiener Akademie habe ich in einer vorläufigen Mitteilung die Endresultate jahrelanger und gründlicher Studien über die Phylogenie der Insekten der Öffentlich-keit übergeben. Zur Begründung meiner daselbst ausgesprochenen Ansichten habe ich auch in Fachkreisen einige Vorträge gehalten, deren Inhalt auszugsweise in den Verh. der zool. bot. Ges. zur Publi-kation gelangte. Alle diese Mitteilungen waren in der Absicht erfolgt, die Aufmerksamkeit der Fachgenossen neuerdings auf dieses schwie-rige und viel umstrittene Thema zu lenken und dieselben zu veran-lassen, meine Ideen und Schlußfolgerungen objektiv nachzuprüfen, zu ergänzen oder zu widerlegen. Kritik hat sich nun auch bereits eingestellt, aber leider nicht in der erwarteten sachlichen Form, welche allein geeignet wäre so schwierige Fragen der Lösung näher zu bringen, sondern in einer Weise, als ob meine Arbeit kaum einer ernsten Besprechung wert und mit einigen Zeilen in Fußnoten kurz abzutun wäre. Aus diesem Grunde mochte ich hier nochmals auf das Thema eingehen und meinen Standpunkt präzisieren. Ich gehe von der Ansicht aus, daß ein System nur dann natür-lich ist, wenn es die Abstammung der Tiere, also ihre Blutsver-wandtschaft zur Darstellung bringt. Es ist wohl selbstverständlich, daß in einem solchen System oft die »Ähnlichkeiten« der Organisa-tionsverhältnisse weniger deutlich zum Ausdruck kommen, als in künstlichen Systemen. Zwei durch besondere Lebensbedingungen hochspezialisierte Formen können durch Konvergenz einander viel ähnlicher sein als ihren Stammeltern, ohne deshalb wirklich verwandt zu sein. Eingehendes Studium aller wichtigeren Arbeiten über die höhere Systematik oder Phylogenie der Insekten haben mir gezeigt, daß fast alle Autoren — bis in die neueste Zeit — bestrebt waren, auf Grund einzelner Merkmale Formenreihen zu unterscheiden und syste-matische Gruppen abzutrennen. Auf diese Weise entstanden die vielen einseitigen, einander stets widersprechenden Systeme nach dem Bau der Mundteile, der Flügel, des Thorax, nach den Metamor-phosen, Malpighischen Gefäßen, Ovarien usw. Unter den wenigen Autoren, welche die Sache von einem weite-ren, allgemeinen Gesichtspunkte aus betrachteten, sind Brauer und Paul Mayer zu nennen, doch auch bei diesen finden wir noch immer