Zum Vorkommen des Schreiseeadlers, Haliaeetus vocifer (Daudin, 1800) im alten Ägypten Von Joachim Boessneck Institut für Palaeoanatomie, Domestikationsforschung und Geschichte der Tiermedizin der Universität München Abstract This paper deals with the first osteological proof for the occurence of the Fish Eagle, Haliaeetus vocifer, in An-cient Egypt. The find consists of the tarsometatarsus which only lacks the medial process of the hypotarsus (Fig. 1 a and b), the two phalanges of digit I (Fig. 1 c and d) and the fused phalanges 1 and 2 of the inner toe (Fig. 1 e). It was unearthed in the temple of Sätet (5 . Dyn. ) on the isle of Elephantine on the Nile near Asswan in Upper Egypt. In the course of the investigation the author was able to identify two Sea-Eagle mummies originating from the latest Pe-riods of Ancient Egypt as also being Haliaeetus vocifer. These mummies have been regarded until now as belonging to the Whitetailed Eagle, Haliaeetus albicilla. Die Veränderung der ägyptischen Fauna seit der vorgeschichtlichen Zeit bis zur Gegenwart, primär eine Verarmung infolge der fortschreitenden Wüstenbildung, ist schon verschiedentlich verfolgt wor-den (z. B. Störk 1977, 8 ff. mit Literaturhinweisen). Im Niltal selbst trug auch die dichte Besiedlung zur Verdrängung von Arten nach Süden bei. Sogenannte äthiopische Faunenelemente, die anfänglich zumindest bis nach Oberägypten verbreitet waren, wurden weiter und weiter nach Süden abgedrängt. Seit nun die Untersuchungen an Tierknochenfunden aus altägyptischen Kulturstätten intensiviert werden, finden sich mehr und mehr Nachweise von Arten der äthiopischen Fauna, die auf den altägyp-tischen "Wandbildern nicht oder nur ausnahmsweise dargestellt werden. Als bestes Beispiel aus der jüngsten Zeit sei der Nimmersatt, Ibis ihis (-Mycteria ibis) genannt, der in den Funden der Ausgra-bungen des Deutschen Archäologischen Instituts im Bereich des Satettempels auf Elephantine festge-stelk werden konnte (Boessneck 1981, 18u. Taf. 12;Boessneck& vondenDriesch 1982, 98f., 116 u. Abb. 18). Zu den bereits veröffentlichten sind in der Zwischenzeit neue Belege hinzugekommen, die den Befund bestätigen. Aus dem Bereich dieses Satettempels liegen jetzt auch die Reste eines auffallend kleinen, linken See-adlerfußes vor (9940b). Der Fund besteht aus dem Tarsometatarsus (Tmt), an dem nur der mediale Fortsatz des Hypotarsus fehk (Abb. 1 b), den beiden Gliedern des I. Zehenstrahls (Abb. 1 c, d), also der Afterkralle, sowie den miteinander verwachsenen Phalangen 1 und 2 des II. Strahls (Abb. 1 e). Diese Verschmelzung ist für Haliaeetus charakteristisch (vgl. Olson 1982). Die Zuordnung des Fußes zu Haliaeetus macht keine Schwierigkeiten. Gleichgroße Tmt von Adlern im engeren Sinne, Gattung Aquila, unterscheiden sich morphologisch am lateralen Vorsprung des Hypotarsus, durch die Kürze der Tuberositas für die Insertion des Musculus tibialis cranialis, in der Anordnung der Gefäßlöcher nahe dem Proximalende des Laufknochens (Foramina superiora) und anderweitig. Möglicherweise gleichlange Tmt anderer Tagraubvögel (Circaetus, Buteo) sind von vornherein viel schlankwüchsiger. Bei Haliaeetus war in Ägypten zunächst aber nicht an den Schreiseeadler, H. vocifer (Abb. 3), sondern an den Seeadler an sich, H. albicilla (Abb. 2), zu denken. Der Seeadler war früher Brutvogel im Nildelta (v. Heuglin 1869, 52; Meinertzhagen 1930, 413) und kommt heute noch, wenn auch sel-17